Gabi Reinmann

Hochschuldidaktik

Selbstgleichschaltung

Der folgende Beitrag in der DUZ ist schon fast drei Wochen alt, aber ich denke, es lohnt sich trotzdem noch, darauf zu verweisen, denn das Thema ist wichtig: Unter dem Titel “Gestatten Wissenschaft“ macht der Text darauf aufmerksam, dass und wie die Öffentlichkeit – eher unfreiwillig – mitbekommt oder mitbekommen kann, wie Wissenschaft „tickt“ – nämlich im Sinne eines Arbeitens mit vorläufigem, hypothetischem, unabgeschlossenem Wissen, mit öffentlicher Mitteilung (in der Fachgemeinschaft), Peer Review bzw. Kritik und Verteidigung oder Korrektur. Das könnte man – unter normalen Umständen (so auch ein wenig der Tenor des Beitrags) – positiv bewerten, weil es Einblick gibt in wissenschaftliche Arbeitsweisen und Wissenschaft generell. In Zeiten gesellschaftlicher Not – und so muss man wohl auch eine Pandemie bezeichnen – aber steht den meisten eher der Sinn nach Eindeutigkeit: Aussagen und deren Korrektur und erneute Korrektur, widersprechende Aussagen und Aussagen mit Vorbehalt aufgrund nicht ausreichender Validierung – das ist schwer auszuhalten. Und üblicherweise bekommt das die Öffentlichkeit in dieser Form auch gar nicht mit. Die Autorin des DUZ-Beitrags sieht darin „schöne Aussichten für die Wissenschaftskommunikation“, ich würde es eher beschreiben als „einmalige Einsichten in die Wissenschaftspraxis“.

Dass Bürgerinnen außerhalb der Wissenschaft in einer höchst unischeren und verunsichernden Situation von diesem Wissenschaftsbild allerdings genervt sind, ist wohl verständlich. Aber wie sieht das mit der Politik aus? Müsste Politik nicht um diesen Umstand wissen und damit entsprechend professionell umgehen? Und wie steht es diesbezüglich um die Medien und Journalisten? Der Beitrag in der DUZ verweist in diesem Zusammenhang unter anderem auf Johannes F. Lehmann, Professor für Neuere Deutsche Literatur- und Kulturwissenschaft an der Universität Bonn. Zitiert wird Lehmann mit der Aussage, dass zum einen die Streitkultur in der Wissenschaft phasenweise zum Erliegen gekommen sei und zum anderen die Medien, vor allem das Fernsehen, eine Art Selbstgleichschaltung vorgenommen hätten – ein Phänomen, dass sicher vielen aufgefallen ist und einen unerträglichen Zug hat. Es gibt einen längeren Beitrag von Lehmann hier: Er ist von Ende März und aus meiner Sicht äußerst lesenswert. Im Fokus steht die „Rettungspolitik“.

Lehmann liefert eine kurze historische Skizze, wie sich das „Narrativ der Rettung“ entwickelt hat und stellt fest: „Das Narrativ der Rettung, sei es Euro-, Finanz-, Klimarettung oder medizinische Lebensrettung, lässt nur die Wahl zwischen sofortigem (und alternativlosem) Handeln oder Untergang. Wobei sich hier ein ethisch hochkomplexes Feld öffnet, das immer die Frage aufwirft, welcher Preis für welche Rettung zu zahlen ist.“ Aber: „Der individualistische Standpunkt, dass das Leben des Einzelnen unbedingt zu retten sei, dominiert trotz gelegentlicher Einsprüche von Utilitaristen derart, dass man sich am Ende seines Lebens inzwischen mit Patientenverfügung vor der gleichsam automatisierten Lebensrettung retten muss.“ Und heute: „Mit der Corona-Krise erleben wir nun diese Logik politischer Lebensrettung um jeden Preis in einer nie dagewesenen Größenordnung. Für die Maßnahmen zur Rettung des Lebens ist der ökonomische Schaden von so gigantischem Ausmaß, dass man seine Folgen (wirtschaftlich, kulturell, sozial, physisch-psychisch-medizinisch) noch gar nicht absehen kann.“ – und das, obschon (paradoxerweise) unsere Gesellschaft ansonsten ein „eher entspanntes Verhältnis zu Krankheitsopfern und Todesfällen“ hat, „wenn es um den Schutz unserer Wirtschaft geht“ (man denke nur mal an alle vermeidbaren Todesfälle infolge von Krankenhauskeimen, Umweltgiften und Klimawandel).

Das sind interessante Impulse zum Nachdenken, und es ist zu wünschen, nein: zu fordern, dass allein ein solches Nachdenken und Nachfragen nicht sofort mit Pandemie-Leugnung oder Verschwörungstheorien in einen Topf geworfen werden – was oft genug der Fall und von viele Medien aktiv unterstützt wird. Oder mit Lehmanns Worten: „Es herrscht die weitgehende Tabuisierung von relativierenden Fragen nach der Verhältnismäßigkeit und den Zielen. Rettung und Rettungspolitik immunisiert sich gegen Einwände und Kritik. Wer nicht unbedingt retten will, macht sich der Tötung schuldig“.

Das wiederum aber ist, um wieder zum Anfang zurückzukehren, zutiefst unwissenschaftlich: Fakten (und nicht deren Leugnung) und Kritik (und nicht deren Verunglimpfung) sind ebenso Merkmale einer jeden Wissenschaft wie das Vorläufige und Revidierte – eben genau das, was mitunter schwer auszuhalten ist.

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